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29. September 2009

Spezialmuseen für Glas und Keramik: Zukunftsperspektiven oder Sackgasse?

Symposium im Europäischen Museum für Modernes Glas

Kolloquium Coburg

Spezialmuseen für Glas und Keramik: Zukunftsperspektive oder Sackgasse?

Eva-Maria Fahrner-Tutsek

... und die Besucher?

Vielen Dank für die Einladung auf diesem Symposium zu sprechen. Obwohl – irgendwie hat mich die Themenstellung beim ersten Lesen doch leicht verwirrt, irritiert. Hier in Coburg ist gerade mit viel Kosten, vor allem aber persönlichen Einsatz und Aufwand, ein wunderschönes und interessantes Spezialmuseum entstanden. Ich selbst bin Vorstandsvorsitzende der Alexander Tutsek-Stiftung, einer „Spezial“ - Stiftung. Meine Entscheidung bei der Gründung der Stiftung für den „spezialisierten“ Stiftungszweck der Förderung von zeitgenössischem Glas hatte wohlüberlegte Gründe. Wenn ich keine Zukunftsperspektive sehen könnte, - und so ging es den Initiatoren des Coburger Glasmuseums wohl auch - hätte ich etwas anderes gemacht.

Ein wichtiger Grund für die Gründung der Alexander Tutsek-Stiftung war, einem größeren Publikum Kunst mit dem Material Glas näher zubringen, deshalb habe ich den Fokus meines Beitrags auf die Besucher gelegt. Warum gehen Menschen in Museen? Als Psychologin frage ich natürlich: Was ist ihre Motivation? Was ist die Motivation in ein Museum zu gehen, in ein großes oder in ein Spezialisiertes?

Eine Motivation könnte sein, dass Spezialmuseen im Gegensatz zu den sich immer hyperaktiver gebärdenden großen Museen anders sind und ihren Besuchern etwas anderes bieten. Dazu möchte ich thesenartig vier Aspekte herausgreifen, die bei einer Diskussion um für die Zukunftsperspektive der Spezialmuseen nicht vernachlässigt werden sollten.

These 1

Damit Neues oder wenig Bekanntes von den Besuchern gesehen wird, muss es in einem besonderen Rahmen präsentiert werden. Dafür ist das Spezialmuseum eine Möglichkeit.

Fällt heute eine Skulptur aus den Materialien Glas oder Keramik in einem größeren Museum auf? Die Antwort lautet: „Eher nein“. Würde der Betrachter etwas über Studioglas erfahren wollen? Die Antwort lautet: „Definitiv nein“.

Etwas Neues oder Unbekanntes - und dazu gehört das Studioglas - muss geschützt präsentiert werden. Wachsendes ist naturgemäß instabil. Unbekanntes wird schlecht wahrgenommen. Es benötigt besondere Aufmerksamkeit und rechtfertigt besonderen Schutz. Dann hat es die Chance ein interessiertes und waches Publikum zu finden.

Das ist eine der Aufgaben von Spezialmuseen: Die Aufmerksamkeit auf etwas Neues, Unbekanntes oder auch Vergessenes zu lenken. In dem Rahmen eines Museums das sich auf eine Thematik konzentriert, haben die Besucher Gelegenheit etwas Neues in der Kunst kennen zu lernen. Sie sind offen und setzen sich damit in Ruhe auseinander - ohne andere „störenden“ bzw. ablenkenden Einflüsse oder Eindrücke. Es ist eine spezielle Chance für die Besucher, aber auch für die Künstlerinnen und Künstler, die mit den Materialien Glas oder Keramik arbeiten.

These 2

Mit der thematische Reduktion haben die Spezialmuseen ist ein kraftvolles Stilmittel der heutigen Reizüberflutung zu begegnen.

Wer die gegenwärtige Gesellschaft beschreibt, kommt nicht ohne Begriffe wie Globalisierung, Pluralisierung, Mediatisierung und Virtualisierung aus. Sie beschreiben politische, ökonomische, soziale und kulturelle Phänomene des rasanten Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft. Veränderte Lebensformen und Lebensstile führen zu veränderten Sehgewohnheiten. Die andauernde Reizüberflutung der Menschen mit daraus folgenden Aufmerksamkeitsproblemen und Rastlosigkeit sind Themen mit denen nicht nur geplagte Lehrer sondern auch die Museen konfrontiert sind. Das geändert Verhalten und damit auch Rezeptionsverhalten der Menschen stellen eine neue Herausforderungen für das Museum des 21. Jahrhunderts dar. Auch das kann eine Chance für Spezialmuseen sein sich zu positionieren.

Die Menschen brauchen immer stärkere Reize um auf etwas aufmerksam zu werden. Darauf reagieren viele Museen mit immer mehr „Attraktionen“. Sie werden lauter. Aber man kann auch mit dem Gegenteil Aufmerksamkeit erregen: mit Ruhe, mit Einfachheit, mit Strukturiertheit. Das ist nach dem viele Menschen, vielleicht ganz unbewusst, suchen.

Nur sich auf ein Thema einlassen zu müssen, kann für die Besucher, die aus einer komplexen Welt kommen, eine wohltuend neue Erfahrung bedeuten. Das kann als Luxus erlebt werden, im Gegensatz zu sonst häufigen Überforderungserlebnissen („Ich habe wieder nicht geschafft alles anzusehen.“, „... zu verstehen.“). Wann hat man schon die Gelegenheit, sich in aller Ruhe mit einem Thema auseinander zusetzen? Inmitten der allgemeinen Beschleunigung unserer Lebenswelt gewinnt die Verlangsamung wieder an Bedeutung. Inmitten der Komplexität fasziniert die Einfachheit.

These 3

Reduktion erhöht die Aufmerksamkeit und fördert tiefere Einsichten.

Ankaufen, Bewahren und Zugang zu Kunstwerken zu ermöglichen, ist die Basis für den Vertrag eines Kunstmuseums mit dem Publikum. Und hier meine ich nicht den einfachen physischen Zugang zu dem Objekt, obwohl auch der natürlich wichtig ist. Ich meine den Zugang zu Wissen um das Objekt und ein tieferes Verständnis. Wie bekommen wir unsere Besucher dazu, sich Zeit zu nehmen, zu entspannen und genauer hinzuschauen, die Eigenheiten des einzelnen Objekts zu berücksichtigen und es in der Zusammenschau mit den anderen zu würdigen? Wir wollen die Aufmerksamkeit unserer Besucher fokussieren, mehr noch fesseln. Wir möchten sie nicht als „Kulturflaneur“, sondern möchten eine Umgebung schaffen in der eine tiefere Auseinandersetzung mit den Objekten möglich ist. Das fällt leichter in einer Umgebung in der ich mich - wie in einem Spezialmuseum - inhaltlich und geistig nur mit einer Thematik beschäftigen muss. Für ein Spezialmuseum eine spezifische Möglichkeit tiefere Interessen beim Publikum zu generieren.

These 4

Spezialmuseen müssen Mut zum Purismus haben – Kunst braucht keine Ablenkungen.

Das erfolgreiche Museum des 21. Jahrhunderts hat Thomas Krens, der frühere Direktor des Guggenheim-Museums, vor ein paar Jahren in der New York Times folgendermaßen bestimmt: „... große Sammlungen, signifikante Architektur, eine große Sonder-Ausstellung, eine zweite Ausstellung, zwei Shoppingmöglichkeiten, zwei Restaurants, high-tech Interface über das Internet“ usw. Das kann ganz sicher nicht der sinnvolle Weg für die Zukunft von Spezialmuseen sein. Im Hinblick auf meinen Fokus - die Besucher - möchte ich etwas anderes anbieten.

Eine sinnvolle Zukunftsperspektive erfordert, dass sich die Spezialmuseen von den großen absetzen. Sie haben einen ausgeprägten Charakter und müssen diesen bewahren und pflegen. Museen sind individuelle Gebilde. Jede Form der Standardisierung macht sie in der Flut der anderen Museen langweilig und unattraktiv. Sie sollten den Mut haben anders zu sein. Ihren Besuchern bieten sie damit etwas qualitativ anderes.

Sie müssen sich frei machen von der ökonomischen Logik, der viele der großen Museen verfallen sind. Sie müssen sich lösen vom Diktat der Quote, vom Glauben, dass alleine hohe Besucherzahlen glücklich machen. Natürlich spricht nichts gegen die populären Ausstellungen der großen Museen, doch das Heil aller Museen liegt langfristig nicht im Event, Bus-Tourismus und totaler Vermarktung. Denn was haben Besucher davon, wenn sie erst in langen Schlangen anstehen müssen, sich dann gegenseitig die Sicht auf die Kunst nehmen, um nach kurzer Zeit erschöpft in der Cafeteria niederzusinken?

Spezialmuseen können sich für die Besucher wohltuend von den großen unterscheiden, indem sie den Blick auf die Kunst nicht durch laute Ablenkungen wie Unterhaltungselemente, übertriebene pädagogische Anstrengungen usw. verstellen.

Ausblick und Empfehlungen

• Wenn Spezialmuseen eine Zukunft haben wollen, müssen sich an ihrer Besonderheit orientieren und nicht an den Strategien der großen Museen.

• Die Parameter mit denen die Spezialmuseen ihren Erfolg messen, darf nicht die Anzahl der Besucher sein, sondern die Intensität und Qualität ihrer Besuche.

• Ein Besuch in einem Spezialmuseum muss für die Besucher ein Vergnügen sein, das eine besondere, individuelle und unerwartete Erfahrung bringt.

Ein Museum kann ein Ort sein, an dem Menschen Ruhe finden, über die Kunstwerke zu sich finden, durch die Beschränkung auf eine Thematik ihre Rastlosigkeit ablegen und sich schlicht freuen, etwas ganz Neues, etwas Besonderes für sich entdeckt zu haben. Denn das ist es, was die Besucher von uns wollen, das ist eine ihrer Motivationen: sie möchten Zugang zu Kunstwerken haben, neue emotionale und kognitive Erfahrung machen, ihre Sensitivität spüren, um so mit einem frischen veränderten Blick wieder in ihre Welt hinaus gehen können.

 

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