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29. September 2009

Der Blick nach Innen - Inner View

Eine Ausstellung von Masayo Odahashi

Eine Künstlerin – verloren und wieder gefunden

Dr. Eva-Maria Fahrner-Tutsek
Vorsitzende des Vorstands der Alexander Tutsek-Stiftung,
München

Endlich, da ist sie! Ich habe sie gefunden – die Abbildung der kleinen Figur, die ich seit Tagen in meinen Glasfachbüchern vergeblich suchte!

Wer kennt nicht das Gefühl: man hat in der Literatur irgendwann einmal ein Objekt gesehen und weiß nicht mehr in welchem der vielen Bücher, die über den Schreibtisch gewandert sind. Oder war es in einer der Fachzeitschriften? So erging es mir, als ich 2005 an der Planung der nächsten Ausstellung der Alexander Tutsek-Stiftung in München saß. Die Ausstellung stellte das Gesicht als privilegierte Ausdrucksinstanz des Menschen in den Mittelpunkt und ich suchte verzweifelt eine Figur, die ich wegen ihres sehr eigenen Gesichtsausdrucks unbedingt in dieser Ausstellung zeigen wollte. In meiner Erinnerung fing ihr Gesicht Essentielles von dem ein, was ich zeigen wollte: das Gesicht als erlebbare Schnittstelle zwischen dem Innenleben des Menschen und der Außenwelt.

Aber wer hatte die Skulptur geschaffen? Der Namen war mir nicht mehr im Gedächtnis, das Gesicht der Figur hatte ich dagegen deutlich vor Augen. Es war das einer jüngeren Frau, die sich ernst und verinnerlicht auf etwas konzentriert. Das Gesicht mutete asiatisch an; eine Künstlerin oder ein Künstler aus Japan? Immer wieder blätterte ich die entsprechenden Bücher und Zeitschriften durch, bis ich die Abbildung endlich fand, und damit auch den Namen der Künstlerin – Masayo Odahashi.

Das Gesicht fasziniert die meisten Menschen unwillkürlich, heißt es im Katalog zur damaligen Ausstellung Das verlorene Gesicht wieder gefunden, weil es reich an unterschiedlichen Informationen ist (Fahrner-Tutsek 2006). Durch das Gesicht wird der Mensch zum Individuum, mit dem Gesicht drücken wir differenziert Gefühle aus, mit dem Gesicht kommunizieren wir. Und schließlich kann ein Gesicht mit seiner Schönheit und Ausstrahlung bezaubern. Es ist in der Kunst ein wichtiges Element, um die Grenze zwischen Ausdruck und Seele, Oberfläche und Tiefe auszuloten.

Ein schwer zu beschreibender Zauber geht auch von den gegossenen Glas-Skulpturen von Masayo Odahashi aus. Das ließ sich bei der in München ausgestellten Figur mit dem Titel Calm Water V beobachten: sie zog wie ein Magnet viele der Besucher und Besucherinnen an: Immer wieder kehrten sie zu ihr zurück und mussten sie nochmals anschauen. Wodurch wurden sie in Bann gezogen? Was macht ihren Reiz aus?

Ruhig sitzend blickt eine jüngere Frau auf das, was sie sorgsam in beiden Händen hält. Sie macht in ihrem blass-lila Kleid, das gläsern durchsichtig einen deutlichen Kontrast zu dem dunklen Gesicht und den streng nach hinten gekämmten schwarzen Haaren bildet, einen zarten Eindruck. Mit der Außenwelt tritt sie in keine direkte Kommunikation, aber ihr Gesichtsausdruck wirkt nicht abwehrend und man fühlt sich nicht ausgeschlossen. Ihr Gesicht zeigt zwar eine Welt für sich, die für den Betrachter oder die Betrachterin nur bedingt zugänglich ist, aber man kann sie erahnen und sie löst Emotionen aus.

Erst beim genaueren Hinschauen erkennt man, was sie in den Händen hält: klares Wasser. Fast etwas erstaunt, behütet sie es ehrfürchtig. Diese Aufgabe scheint ihr Kraft und Halt zu geben. Alles ist darauf fokussiert. Unwillkürlich bewundert man die stille Versunkenheit und partizipiert wohltuend an der überströmenden Kraft ihrer Konzentration.

Masayo Odahashi zeigt und reflektiert mit ihren Skulpturen innere Gedankenwelten, Gefühlszustände und Verhaltensweisen, die den Menschen gemeinsam sind. Es gelingt ihr komplexe innere seelische Zustände darzustellen und diese beim Betrachter zu evozieren. So verwundert es nicht, dass ihre Arbeiten in der letzten Zeit auch außerhalb Japans verstärkt Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden haben. Dennoch sind ihre Objekte noch immer schwer zu finden – nicht nur in Büchern wie bei der Vorbereitung der Ausstellung in München, sondern auch in Galerien und Museen. Deshalb freue ich mich über die umfassende Ausstellung mit neuen Arbeiten in einer Galerie und einem Museum sehr und wünsche ihr in Deutschland und Dänemark viele interessierte und begeisterte Besucher.

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