2. September 2010
WHISPER
Neuer Katalog von Christiane Budig
Eine Sprache in Glas
Eva-Maria Fahrner-Tutsek
Ein stabiler Koffer aus Holz. Benutzt und abgegriffen, schäbig. Am Griff hängt ein Etikett der russischen Fluglinie Aeroflot. Wie bei vielen Arbeiten von Christiane Budig, die an der Hochschule für Kunst und Design Halle ein Kunststudium absolviert hat, braucht es einen zweiten Blick. In dem Koffer liegen übereinander ein männlicher und ein weiblicher Torso aus mattem und durchsichtigem Glas in einem weichen Bett aus Flies. Die Arbeit hat den gewichtigen Titel Romeo und Julia. Liegt hier der Inbegriff des klassischen Liebespaars, abgenutzt wie der schäbige Koffer? Sie habe den Koffer gefunden; weggeworfen, im Müll, erzählt Christiane Budig. Haben Romeo und Julia ihr Glück im Westen gesucht und gefunden? Wohl ja, denn der Koffer wird nicht mehr benötigt.
Die Kunstwerke von Christiane Budig erzählen häufig eine Geschichte. Es sind keine abgeschlossenen, fertigen Geschichten mit eindeutigen Aussagen. Ihre Objekte und Installationen regen den Betrachter zum Assoziieren und zu persönlich motivierten Interpretationen an, wie zum Beispiel bei der Arbeit Eigenwelt. Es ist unklar, in welche Richtung sich die weibliche Figur bewegt: Zieht sie sich in einen Kokon, den weißen, weich gerundeten Tubus, zurück oder verlässt sie ihre eigene Welt gerade, um mit der realen in Kontakt zu treten? Die eigene Gestimmtheit und die Erfahrungen des Betrachters beeinflussen seine Sichtweise. Diese Offenheit ist ein wichtiges Kennzeichen der Werke von Christiane Budig.
Mit ambivalenten Szenerien gelingt es ihr, widersprüchliche Emotionen auszulösen. Dazu tragen auch die prägnanten Titel der Objekte bei. Eine Installation von zwölf in Maschendraht geblasenen Kissen, mit der sie Jutta-Cuny-Franz-Preisträgerin 2003 wurde, hat mit Distanz einen auf den ersten Blick erstaunlichen Titel. Die vielen Kissen wirken durch die samtig sandgestrahlten Oberflächen und die schwellenden Rundungen verführerisch. Aber die mit Kissen unwillkürlich assoziierten Gefühle wie Weichheit, Bequemlichkeit, Nähe, werden durch die akkurate Aufreihung auf Stelen von etwas Anderem überlagert. Man denkt an Trennung, empfindet Kälte.
Christiane Budig benutzt in ihren Objekten das Material Glas nicht nur als plastischen Werkstoff, sondern nutzt zusätzlich seine ihm immanenten widersprüchlichen Eigenschaften. Um ihre Geschichten niederzuschreiben, wird Glas wie Papier verwendet. Fragilität und Festigkeit, Verletzlich- oder Verletzbarkeit, formale Schroffheit und organische Rundungen, samtige Oberflächen oder glänzende Verführungen dienen als Auslöser für Irritationen beim Betrachter. Verstärkt wird dies durch die Kombination mit anderen Materialien. Auf Schiffen stecken pinkfarbene Federn; zwischen zwei Stühlen wird wie für ein Kinderspiel ein rotes Gummiseil gespannt; Seidenbänder schnüren Glasfüße ein und beschriftete Metallbänder amorphe Glaskugeln.
Formaler Ausgangspunkt für ihre Arbeiten ist oft - als Abdruck oder als Fragment - der Körper, der in den Geschichten, die die Objekte erzählen, die ihm zugewiesene Rolle spielt. In der Bodeninstallation HaltLos wollen die eingeschnürten Glasfüße den Glasscheiben entweichen, die Wand hinaufklettern. Abgeschnittene, lange Zöpfe in Holzkästen vermischen sich mit Geschichten aus der Kindheit. Das Gehirn vermittelt seinen Erregungszustand durch Farbe. Haut ist eine leere Hülle, die umgebende Welt ein- oder ausschließend.
Der Katalog dokumentiert die ganz eigene Sprache, die Christiane Budig für ihre künstlerischen Anliegen gefunden hat und macht ihre immer wieder aufgegriffenen Themen deutlich. Im Mittelpunkt ihrer Aussagen steht der Mensch mit seinen Freuden, Sehnsüchten, Zweifeln, Stimmungsschwankungen und seinen Verflechtungen mit der Vergangenheit. „Viele meiner Arbeiten gehen von Erinnerungen aus“, sagt sie. Häufig sind es reale Geschichten, aber auch erfundene, die ausgeschmückt, die Erinnerungslücken ergänzen.
Aus den unterschiedlichsten Perspektiven hinterfragt Christiane Budig das menschliche Sein und spielt souverän mit dem Material Glas. Indem sie den widersprüchlichen Charakter des Materials immer wieder neu auslotet, macht der Betrachter unwillkürlich das Gleiche. Sie vermeidet übertriebene Eleganz, dennoch haben ihre Objekte eine hingeworfene Leichtigkeit, die fasziniert - und auf den ersten Blick täuscht. Die Arbeiten fordern einen konzentrierten Blick und persönliche Involviertheit. Dann lässt sich hinter der schlichten Zurückgenommenheit und stillen Empfindsamkeit das Wesentliche erahnen und man versteht die Sprache der Künstlerin.

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